Die Birke

Mächtig fegt er durch die Wälder,
tost brausend über Wiesen, Felder;
der Sturm ergreift für sich die Macht,
in dieser dunklen, kalten Nacht.
Die Birke, die dort steht allein,
fügt sich wiegend in das Spiel mit ein.
Mühsam können sie die Wurzeln halten,
im Boden gegen die Naturgewalten.
Das Peitschen des Sturmes ist erbarmungslos,
der Kampf um ihre Blätter riesengroß.
Zudem bereitet ihr noch tiefen Schmerz,
im Stamm, ein frisch geritztes Herz.
In ihrer Krone sitzt ganz fest,
ein längst verlass‘nes Vogelnest.
Gerade jetzt im Kampf erinnert sie sich gut,
als noch Leben war in dessen Brut.
Längst schon sind die Vögel ausgeflogen,
himmelwärts über´s Land gezogen.
Sie weiss nicht wohin ihr Weg sie hat geführt,
jedoch vom Abschied war sie schwer berührt.
Frei, wie die Vögel wollt´sie sich bewegen,
er war ihr nicht beschieden, dieser Segen.
Ach könnte sie nur ziehen ihre Runden,
and´re Orte dieser Welt erkunden.
Doch sie muss hier fest im Boden stehen
und kämpfen gegen des Sturmes Wehen.
Erst in den Morgenstunden kehrt wieder Ruhe ein,
die Sonne wärmt mit ihrem hellen Schein.
Die Welt sieht wieder ruhig und friedlich aus,
erleichtert streckt die Birke ihre Äste raus.
Das Vogelzwitschern tut ihr gut;
ein neuer Tag bringt neuen Mut.
Nun ist es wieder schön, ein Baum zu sein-
Doch welch ein Lärm stellt sich gerade ein?
Es ist das Knattern von Motoren,
die Angst in ihre Seele bohren.
Was soll denn nun mit ihr passieren?
Unheil droht, sie kann es spüren!
Menschen machen sich an ihr zu schaffen,
sie klettern hoch, als wär' n es Affen
und sägen ihre Äste ab,
als ob es nie was andres gab.
In ihrem Schmerz würd' sie gern schreien;
dieses Unrecht ist nicht zu verzeihen!
Sie wird dahin gemetzelt bis zum Stumpf,
die Motorsägen knattern dumpf.
An den Wurzeln packt sie dann ein Bagger,
zur Baustelle wird jetzt der Acker.
Noch am Morgen stand sie da voll Stolz,
nun liegt am Boden sie, als zerstückelt´Holz.
Der Sturm konnte sie nicht besiegen,
doch der Mensch brachte sie zum Erliegen.
Wenn die Natur auch hart verfährt,
es ist Menschenhand, die sie zerstört.

Ⓒ Gerda A. Stempfl